Heidenkult im Sihlhochtal


„Die Heiden haben das Leben vergöttert, die Christen den Tod.”

Anne Louise Germaine de Staël (1766 - 1817).


 

Die naturmythologisch schwarze Göttin "zum finsteren Wald"

 

Quelle: Kurt Derungs „geheimnissvolles Zürich“ Die schwarze Göttin Seite 194
Die Schwarze Frau wurde schon in der Bronze- und Jungsteinzeit am Zürichsee verehrt. Diese Verehrung setzt sich teilweise in der Keltenzeit fort, wobei die Erdgöttin überwiegend von den Ackerbauer der Unterschicht um Segen und Beistand angerufen wurde. In römischer Zeit wurde sie zu einer Matrona, während sie in christlicher Zeit als schwarze Madonna wiederkehrt. ...


Vielleicht bestand schon immer eine kulturelle Verbindung zwischen den Regionen Zürichsee und Sihlhochtal. Oder die schwarze Ahnfrau zog sich während der Keltisierung und Romanisierung in ein kleinräumiges Gebiet jenseits des Etzels zurück, wo sie in eine unscheinbare Bergregion kam. Hier konnte ihr Kult weiter bestehen, bis ihn der Arm der Missionierung erreichte. Doch man konnte den vorchristlichen Kult nicht einfach verbieten und abschaffen, noch die heiligen Stätte zerstören. So wurden die heiligen Orte umgeweiht und die Erdgöttin zur „Schwarzen Madonna“ umgetauft.

 

In Einsiedeln erscheint die Schwarze Jungfrau als Quellgöttin. Der Liebfrauenbrunnen galt früher als gesundheits- und segensbringende Quelle. Besonders aber soll das Wasser Frauen helfen, die sich ein Kind wünschen. Damit ist die Schwarze Madonna wie jede Erdgöttin eine „Kinder schenkende Ahnfrau“.

 

Ebenfalls zur schwarzen Ahnfrau gehört ihr männlicher Partner, der von ihr abgespalten und dämonisiert wurde. Die matriarchale Göttin wurde im Christentum zur schwarzen Madonna erhoben, teils wegen der ansässigen Volktradition, teils aus missionarisch-theologischen Gründen. In der Sagenwelt ist die weibliche und männliche Gestalt vereint, nämlich als „Teufel und seine Grossmutter“. An Fasnacht ziehen nicht Pilger durch das Klosterdorf, sondern schwarze Teufel mit langen roten Zungen und wild geschwungenen Hörner. Es handelt sich um eine Fasnachtsfigur, die hier überlebt hat, denn dieser Brauch war einmal in ganz Europa bekannt. Am Fasnachtsmontag versammeln sich morgens um 9 Uhr über 50 schwarze Teufel auf dem Klosterplatz und ziehen mit tänzelnden Schritten zum Hauptportal der Kirche, wo hinter den Mauern eingeschlossen die schwarze Madonna wartet. Die Teufel werden dabei von „verhuzelten, alten Weibsbilder“ begleitet. Vor der Klosterkirche wendet der Zug. Eine Order der Mönsche verbietet es den „Dämonen“ das Kloster zu betreten. Das Schauspiel von heute scheint aber nicht das alte, jahreszeitliche Mysterienspiel zu sein. Die Winteralte und der gehörnte Mann verschafften sich früher bis zur schwarzen Madonna Zugang, wo sie im Angesicht ihrer Göttin tanzten und musizierten.

 

In vielen Kulturen und Mythologien besitzt die Erdgöttin einen männlichen Partner, sei dieser der Grüne-, Gehörnte- oder Schwarze-Mann.

 


Die Katholische Kirche hat von Anfang an versucht, die religiösen Kerngedanken der „Heiden“ zum eigenen Nutzen zu monopolisieren. Als wäre es ein total origineller Neubeginn, hat "Gott" seinen "eingeborenen Sohn" zur Erde geschickt, was Alles bisherige in den Schatten stellen sollte. In Wahrheit hat die Kirche alle ihre Grundprinzipien von den alten Traditionen kopiert, übernommen und sogar gestohlen, ohne die Quellen zu erwähnen. Ihr Lehrgebäude enthält nichts Originelles. Durch den Bruch mit der Vergangenheit hat die Kirche mehr oder weniger erfolgreich die Verbindung mit dem Großen Kontinuum durchtrennt. Alles Heil kam nur noch von der Kirche. Statt der eigenen Gotteserfahrung, des Verwirklichens des eigenen göttlichen Urgrundes, wurden wir alle zu "erlösungsbedürftigen Sündern" erklärt. Nur durch den Sühnetod Jesu konnten wir gerettet werden. Das wurde vom Volke jedoch nicht ohne weiteres hingenommen. Es wollte die Große Mutter zurück. Unter Druck hat deswegen die Kirche erst im Jahre 431! die Mutter Jesu als "GottesMutter" ausgerufen, aber ohne ihre ursprüngliche Macht wiederherzustellen. Die Kirche war dann auch geschockt, als um das Jahr 1000 die Schwarzen Madonnen auftauchten. Bis heute werden sie im Hintergrund gehalten. Das ist "verständlich", denn die Schwarzen Madonnen sind eine direkte Manifestation der ursprünglichen dunklen Universellen Mutter.


Der Verehrung einer Mutter-Gottheit werden durch die vielen kunstvoll angefertigten Frauenstatuen bezeugt. In ganz Europa bis in den Asiatischen Raum wurden solche kleinen Figuren gefunden.

Es scheint, dass unsere frühesten Vorfahren die Welt ganz anders gesehen haben. Diese Verehrung der weiblichen Fruchtbarkeit ist die älteste bezeugte Kultur. Die sogenannten Steinzeitmenschen erschufen Kunstwerke aus Elfenbein, Knochen, Stein, Holz und bemalen Felswände mit Szenen aus vergangenen Zeiten.


Die ursprüngliche Mutter (Urmutter) hat sich in den verschiedenen Kulturen als Mutter-Göttin manifestiert. In Sumerien war es Inanna, in Ägypten Isis, in Babylon Ishtar, in Anatolien war es Kybele, in Kanaan Asherah bzw Astarte, auf Zypern Aphrodite, auf Kreta Rhea, in Griechenland Persephone und auch Artemis, in Skandinavien Freya. Immer hatten die Mütter ihre "sterbenden und wieder aufstehenden" Sohn/Gott/König/Liebhaber bei sich, wie Tammuz, Osiris, Attis, El, Baal, Adonis, Dionysos und Odin.

 

Noch einmal sollte im Mittelalter das Mysterium der Ursprünglichen Mutter mit Ihrem "Grünen Mann" dem Gott/König gefeiert werden, und zwar im Mythos des Grals. Die Brücke zur heutigen Zeit war brüchig, jedoch ist dieses Urwissen nie ausgelöscht worden. In der Renaissance gab es die Weisheitsgöttinnen, die Marienwallfahrten blühten auf, und auch in der Kunst blieben die Erinnerungen erhalten. Besonders die Schwarzen Madonnen sind wieder ins Bewusstsein gekommen, zusammen mit Tausenden von Grünen Männern in den Kirchen.


Quelle: Kurt Derungs „geheimnissvolles Zürich“  Mythologie der Volksbräuche Seite 114
Jede Landschaft kennt nicht nur besondere Orte, sondern auch Bräuche und Feste, die sich regelmässig wiederholen. Zahlreich sind die christlichen Feiertage, schauen wir jedoch genauer hin, so stammen auch diese aus vorchristlicher Zeit, sei es aus alemannischer, römischer, keltischer oder sogar vorkeltischer Epoche.


Weihnachten zum Beispiel ist ein altes Mittwinterfest der Sonnenwende und ein Wiedergeburtsfest des jungen Lichtes, das mit der christlichen Heilslegende verbunden wurde. Ebenso war Ostern ein Frühlingsfest der aufkeimenden Natur und einer Frühlingsgöttin geweiht, deren Zeit mit dem Mond in Zusammenhang stand. Daher wird Ostern heute noch nach dem Mondkalender bestimmt. Und auch dieses naturreligiöse Fest wurde christianisiert und mit einer Auferstehungslegende verbunden. Tatsächlich besitzen wir immer noch eine ganze Menge von Festen, Bräuchen und Ritualen, die aber alle in den gleichen Topf geworfen werden oder deren Sinn verloren ging. Manche von ihnen wurden während ihrer langen Geschichte verändert, verfolgt und vergessen oder ihnen wurden fremde Inhalte und Zusätze unterschoben, so dass sie bewusst eine ideologische Aussage erhalten. Die Steinverehrung wurde seit dem Frühmittelalter von Obrigkeit verboten und bei Strafe verfolgt. Dies bezeugen die vielen dämonisierten und abgewerteten „Teufels“- und „Hexen“-Steine sowie die Zahlreichen „Hexen“-Tanzplätze unserer Region. Wo dies nicht möglich war, weihte man den Ort und machte daraus eine Stätte der Heiligen.


Durch die Ideologisierung von Plätzen, Bräuchen und Festen geht deren ursprünglicher Sinn vielfach verloren, d.h. er wird umgedeutet, verzerrt oder nur noch in Bruchstücken überliefert. Teilweise sind sogar nur noch einzelne Motive eines umfassenden Brauches vorhanden, so dass ohne kulturgeschichtliche Hintergründe die Bedeutung verborgen bleibt. ...

 


Sagen und Mythen aus Einsiedeln

 

Quelle: Kurt Derungs „geheimnissvolles Zürich“  Liebfrauenbrunnen von Einsiedeln Seite 80
Der heutige Marienbrunnen auf dem Klosterplatz mit seinen 14 Röhren soll im 14. Jahrhundert Liebfrauenbrunnen und während den folgenden zwei Jahrhunderten St.Meinradsbrunnen geheissen haben. Man glaubt, dass er einst eine Quelle der alten Gottheiten war, um hier im Waldesdickicht aus dem geheimnisvollen Rauschen des Wassers die Stimme und den Willen ihrer ererbten Gottheiten zu erkunden. Der heilige Meinrad sei selber eigentlich ein eisgrauer Quellgott gewesen, den die ansässigen Vorfahren einst hier verehrt haben. Aus diesem machten sie in christlicher Zeit einen heiligen Einsiedler. Noch im 12.Jahrhundert lagen die Schwyzer mit den Mönchen im Streit und kämpften um die heilige Quelle. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Mönche, um den geheiligten Quellgrund an sich zu reisen. Die Heilkraft des Brunnens war im Volksglauben stark verbreitet. Seine besondere Weihe soll der Brunnen davon haben, dass dessen Wasser unter dem Altar der Gnadenkapelle entspringe. Heute ist der Brunnen an das Leitungsnetz der öffentlichen Wasserversorgung angeschlossen.

 

Quelle: Kurt Derungs „geheimnissvolles Zürich“  Frauenkloster Au Seite 199
In Einsiedeln existiert noch ein anderer Quellort der Göttin, von dem die Kinderseelen geholt wurden. Hinter dem Frauenkloster Au führt ein Weg auf eine Anhöhe mit einem Weiher. Von diesem Ort wird gesagt, dass die Frauen aus der Gegend aus dem Wasser ihre kleinen Kinder holten. Wahrscheinlich haben sie einst das Wasser getrunken oder sie badeten im Wasser, um im feuchten Schoss der Erdgöttin direkt zu empfangen und eine Ahnenseele aufzunehmen. Dieser Volkbrauch wurde von einer Klosterschwester am Ort bestätigt.